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Im Raum mit_  / 2016
eine prozessuale Ausstellung
section.a: Kuratorin und Projektmanagement

Im Raum mit_ ist ein dynamisches Ausstellungsprojekt im Kunstraum BNKR, den der Münchner Unternehmer Stefan F. Höglmaier 2014 in einem Hochbunker aus der NS-Zeit initiiert hat. Im Zuge der umfassenden Umbau- und Sanierungsarbeiten dieses Gebäudes wurden rund 2.000 Tonnen Material daraus entfernt. In Korrespondenz zu dieser Baugeschichte nimmt das Wiener Architekturbüro Fattinger Orso das Thema der Volumenverschiebungen für ihre Installation auf, die sie eigens für das Ausstellungsprojekt entwickeln.

Fattinger Orso legen eine aus 850 Holzstücken zusammengesetzte, zweite, funktionale Ebene in die Ausstellungsräume, die einem doppelten Boden gleich zum Materialdepot für individuelle Formfindungen wird. Jede_r Besucher_in ist eingeladen, einzelne Bausteine herauszunehmen, daraus eigene Strukturen zu bauen und eine fotografische Dokumentation dieser unter dem Hashtag #ImRaummit zu posten. Die Besucher_innen werden damit zu gleichberechtigten Autor_innen der skulpturalen Anordnungen in der Ausstellung.

Fattinger Orso, Doppelter Boden, 2016
Installation aus 850 Massivholzstücken   

Im Dialog zur Bodeninstallation zeigt Julia Willms einen Monat später ihre audiovisuelle Rauminstallation »Passageway«. Mit dieser Arbeit überschreitet die Künstlerin im Untergeschoß des Kunstraums die Schwelle des physischen Bildraumes in den imaginären und lädt die Besucher_innen ein, Realität und Fiktion für einen Moment als Einheit zu erfahren. »Passageway« lässt einem Trompe l’oeil gleich die Stirnwand des Ausstellungsraums über die Projektionsfläche mit ihrem filmischen Abbild verschmelzen. Das Video zieht in seinem Verlauf die Zuschauer_innen in seine filmische Illusion: Raumelemente öffnen, transformieren, entfernen, nähern oder verschieben sich gegenüber den Betrachter_innen. Der filmische Raum scheint Realität zu werden.


Julia Willms, Passageway, 2005/2016
Audiovisuelle Rauminstallation, Quicktime Film 4:57 Min. geloopt, Projektion mit Ton

Constantin Luser schreibt sich als dritte Verdichtung mit seinen Raumzeichnungen in das vorgefundene Setting ein und verwandelt den Ausstellungsraum in einen Bildraum. Dabei sprengt der Künstler die Grenzen des klassischen Bildträgers und begreift die Wandflächen als solchen. Von hier löst er gedanklich den Strich von der Wand und lässt ihn als filigranes Liniengeflecht dreidimensionale Konturen in den Raum schreiben. In ihrer Gesamtheit geben die Raumzeichnungen einen kaleidoskopischen Einblick in den Gedankenkosmos des Künstlers. Ein Betreten dieser Räume macht die Besucher_innen zu einem selbstverständlichen Teil seiner Komposition momenthafter, szenischer Anordnungen, die sich einer eindeutigen Leseart entziehen und Interaktion mit den Betrachter_innen zulassen.


Constantin Luser, o.T. (Kremser Block), 2014/2016
frei hängende Skulpturen aus Messingdraht, lackiert, Fineliner

In der dialogischen Werkpräsentation „Ohne Titel, 1980 – 2016“ stellt Peter Kogler das Grundthema von Im Raum mit_, die künstlerische Aneignung von Raum, in einen größeren Zusammenhang. Dabei lotet er Grenzbereiche zwischen Raum und Oberfläche anhand ausgewählter Beispiele aus seinem künstlerischen Werk aus, ausgehend von seinen ersten Galerieausstellungen in den 80er Jahren, seiner Beteiligung bei der Documenta in Kassel (1992 und 1997), über seine institutionellen Einzelausstellungen bis hin zu seinen Interventionen im öffentlichen Raum. So unterschiedlich diese Orte und Anlässe sind, eins ist seinen Werken gemeinsam: Die Betrachter_innen seiner raumgreifenden Inszenierungen erfahren eine Wahrnehmungsverschiebung weg von der realen Welt hin in eine virtuelle. Dafür löst der Künstler die Illusion des Bildraumes aus einer von einem Rahmen gefassten Fläche in den Ausstellungsraum selbst auf und lässt die Ausstelungsbesucher_innen in ihrem Bewegungsfluss Teil seiner „totalen“ Räume werden. Aus der distanzierten Betrachtung wird ein unmittelbares Erlebnis, das er punktuell durch den Einsatz von Sound in Zusammenarbeit mit Franz Pomassl verstärkt.

© Peter Kogler, 2016, Foto: Didi Sattmann

Christian Falsnaes‘ Werke basieren auf der Interaktion zwischen Publikum und Künstler. Dabei interessiert ihn vor allem der Kontext der Werkentstehung mit seinen Ritualen, Dynamiken und Verhaltensweisen, die in hochcodifizierten, sozialen Feldern wie dem der Kunstwelt wirksam werden. Seine Arbeiten kreisen um die Themen Identität, Autorität und Unterwerfung. In seinen partizipatorisch konzipierten Performances motiviert er Leute, Dinge zu tun, die sie sonst nicht tun würden. Für die Ausstellung entwickelt Christian Falsnaes ein performatives Setting, das den sich stetig verändernden Charakter von "Im Raum mit_" aufnimmt und die Besucher_innen ein weiteres Mal bewusst involviert. Der Künstler fordert in seiner Performance das Publikum auf, erneut Autor_in der Ausstellung zu werden und bringt es so in eine Entscheidungssituation. Durch Handlungsanleitungen während der Performance führt er die Akteur_innen an die Grenzen ihrer Selbstverantwortung und den drohenden Verlust der Selbstkontrolle.

Performance Christian Falsneas, The excluded middle!, 2016

Performance Christian Falsneas, The excluded middle!, 2016
und frei hängende Skulpturen aus Messingdraht von Constantin Luser, o.T. (Kremser Block), 2014/2016


Auftraggeber: Kunstraum BNKR, München
Grafik: Karl Anders, Hamburg
Fotograf: Elias Hassos, München
Medien- und Pressearbeit: Goldmann Public Relations, München
Aufbau: Joseph Köttl / pr.ojekte, München

Fattinger Orso
Eröffnung: 18. Februar 2016
Produktion: MH Säge- und Hobel-Werk Holz Reisecker
Dank an: MH MassivHolz Austria

Julia Willms
Eröffnung: 17. März 2016
Dank an: Andrea Božić

Constantin Luser
Eröffnung: 21. April 2016
Dank an: Viktoria Morgenstern, Danijel Radič

Peter Kogler
Talk: 09. Juni 2016

Christian Falsnaes
Performance: 14. Juli 216

Ausstellung: Kunstraum BNKR München / 19. Februar bis 28. Juli 2016

© Elias Hassos, Künstler_innen, BNKR